Micha AREGGER
Foto: CH Media Chris Iseli
Arbeitsweise
Micha Aregger (*1976) lebt und arbeitet als freischaffender Künstler in Beinwil am See.
Im Zentrum seines Schaffens steht die intensive Auseinandersetzung mit natürlich gewachsenen Strukturen, biologischen Formen und den ihnen zugrunde liegenden Wachstumsprinzipien. Durch die visuelle und gedankliche Analyse von Naturphänomenen sowie mathematischen Gesetzmäßigkeiten entwickelt er komplexe, biomorphe Plastiken, in denen die verborgene Ordnung und Schönheit der Natur sichtbar wird. Seine Werke entfalten ein Spannungsfeld zwischen künstlichen Materialien, ungewöhnlicher Farbgebung und organischer Anmutung.
Ein wesentlicher Impuls seines künstlerischen Schaffens ist das Staunen über die Natur und ihre Geheimnisse. In ihren Formen erkennt Aregger nicht nur ästhetische Phänomene und Bedeutungen, sondern auch Spuren eines Schöpfers. Ein Kunstobjekt im Ausstellungsraum und ein Baum im Wald stehen für ihn gleichwertig nebeneinander, beide erscheinen als Ausdruck eines schöpferischen Prozesses und beinhalten eine künstlerische Aussage.
Areggers Arbeiten erinnern an Lebewesen oder organische Strukturen und irritieren bewusst die Wahrnehmung. Die Grenze zwischen Design und Natur beginnt zu verschwimmen; „natürlich“ und „künstlich“ treten nicht mehr als Gegensätze auf, sondern als miteinander verwobene Prinzipien.
Seine charakteristische Bildsprache entwickelte sich nach dem Studium an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Luzern aus einem wachsenden Interesse an Naturwissenschaften und Bionik. Ähnlich wie in der Bionik untersucht er natürliche Prozesse und nutzt deren Gesetzmäßigkeiten, etwa Wachstumsmodelle, Zahlenfolgen und mathematische Proportionen als Grundlage für die Gestaltung seiner Werke.
Neuer Fruchtkörper
Fotografie: Severin Ettlin
Diverse Kunststoffe
Holz, Acrylfarbe
Höhe 3.2m
Der Begriff Fruchtkörper bezeichnet in der Mykologie den sichtbaren Teil eines Pilzes, z. B. der Champignon oder Steinpilz. Den weitaus grösseren, unsichtbaren Anteil bildet das Myzel, ein verzweigtes Geflecht aus Hyphenfäden im Boden, das als Fundament und nährende Grundlage dient. Aus einem gesunden Myzel kann unter geeigneten Bedingungen ein Fruchtkörper hervorgehen; die Idee von verborgener Grundlage und sichtbarer Erscheinung bildet die zentrale Aussage dieser Arbeit. Das Myzel steht hier für eine schöpferische, allumfassende Quelle, die alles speist und verbindet.
Der «Neue Fruchtkörper» wurde formal nach der Fibonacci-Zahlenfolge aufgebaut, einem in der Natur häufig anzutreffenden Ordnungsprinzip. Als Vorbild für die Oberflächenstruktur dienten die Morphologien von Ananas und Tannenzapfen, Formen die kulturell mit Nahrung, Fülle und Reife assoziiert werden. Durch die Verwendung industrieller Materialien werden diese vertrauten Wachstumsformen aus ihrem biologischen Zusammenhang gelöst und in einen künstlich konstruierten Körper überführt.
Im Kontext der Ausstellung «En Guete! Facetten unserer Esskultur» im Ortsmuseum Meilen lässt sich der «Neue Fruchtkörper» als Sinnbild jener komplexen Prozesse und Phänomene lesen, die unserer Ernährung vorausgehen: verborgene Systeme, Kreisläufe und Strukturen, die Essen hervorbringen, lange bevor sie für uns als Nahrung sichtbar oder konsumierbar wird.
Karfiol Cumulus
Polyurethan
Höhe 50cm
Das Objekt Karfiol Cumulus geht von der Form des Blumenkohls aus, einer vertrauten, organischen Struktur, deren innere Ordnung auf fraktalen Prinzipien beruht.
Aus Abgüssen realer Blumenkohle entstand ein neuer, vergrößerter Karfiol, der nicht einfach reproduziert, sondern kumuliert und neu zusammengesetzt wurde.
Die Arbeit ist weniger Abbild als Transformation. Durch einen zusätzlichen Iterationsschritt, Fraktalschritt, wird die Logik der natürlichen Form weitergeführt und erweitert. Das Objekt wirkt zugleich gewachsen und konstruiert, weich und monumental, vertraut und fremd. Es erinnert an eine Wolke, an eine Ansammlung von Einzelteilen, die sich zu einer neuen Einheit verbunden haben.
Karfiol Cumulus macht die verborgene Komplexität der Natur sichtbar und lenkt den Blick auf eine Schönheit, die im Alltäglichen oft übersehen wird.
Grosser Succus
Kunstharz
Höhe 40cm
Der Titel Succus bedeutet „Saft“ und verweist auf eine verdichtete Essenz.
Das Objekt wurde vom Künstler kreisförmig von unten nach oben modelliert und imitiert einen organischen Wachstumsprozess. Der Körper verjüngt sich nach oben hin und erinnert an den Aufbau von Pflanzen und Früchten.
Die Oberfläche ruft Assoziationen von Beeren, Trauben und Granatapfelkernen hervor. Der Granatapfel gilt als Symbol für Fruchtbarkeit, Fülle und Erneuerung, für die Kraft, die im Inneren verborgen liegt. Diese Bedeutungen spiegeln sich in der Form wider, ein kompakter Körper, der Einheit und Vielfalt sowie Hülle und Kern verbindet.
Das intensive Rot und das transluzente Material lassen die Skulptur von innen heraus leuchten. Sie wirkt saftig, prall und lebendig, zugleich aber künstlich konstruiert. Succus macht Wachstum und innere Energie sichtbar.
Musa
Kunstharz
Länge 40cm
Musa ist eine plastische Auseinandersetzung mit Reproduktion, Materialität und Bildlichkeit. Der Name Musa verweist auf die botanische Gattung der Bananen (Musa) und betont damit das Spannungsverhältnis von natürlichem Ursprung und künstlerischer Umformung und Erweiterung.
Die Arbeit besteht aus zahlreichen kleinen Abgüssen von Bananen, die zu einer einzigen, autonomen Frucht zusammengefügt wurden, eine neue eigenartige “Zucker-Banane“, die aus Bananenformen besteht.
Durch die transluzente Qualität des Kunstharzes erscheint die Oberfläche zugleich glatt und fragil; Licht dringt hinein, deutet einen inneren Kern an und erzeugt das Gefühl, die “Frucht“ ließe sich in der Mitte aufknacken.
Die Banane als Motiv verknüpft kulturelle Codes von Süße, Konsum und Verfügbarkeit mit biologischen Assoziationen wie Samen, Fruchtbarkeit und Vermehrung.
Musa verweist auf die Schöpfung, ohne selbst Teil von ihr zu sein, eine künstliche Genesis, in der die Reproduktion das echte Organische nachahmt und feiert.